Ergründen und Befragen
Sammle Wissen durch Ergründung an;
verstehe, was du lernst durch Befragung.
Mingjiao
Klingt so einfach und fällt doch oft so schwer.
Selbst erlebt habe ich das in meinem ursprünglichen Beruf als Anwalt. Auf der Universität und später im Referendariat habe ich mir jede Menge juristisches Wissen angeeignet. Doch es war eben erlerntes Wissen, ohne wirklichen Bezug zu dem, was mir in den konkreten Fällen begegnete, die ich dann als Anwalt zu bearbeiten hatte.
Erst nach vielen Jahren beruflicher Praxis wurde mir der Sinn der gesetzlichen Vorgaben klar, die ich vorher nur wie eine Matrix auf den konkreten Sachverhalt zu übertragen suchte mit der Folge, dass ich eher versucht war, den Sachverhalt für die als relevant angenommene Rechtsgrundlage passend zu interpretieren, statt die Rechtsvorschrift zu finden, die dem Sachverhalt gerecht werden konnte. Mit anderen Worten: Welche Rechtsvorschrift hatte den regelnden Sinn, der dem Sachverhalt gerecht werden konnte?
Nicht anders ist es mit dem Wissen, das uns die Philosophia perennis der Weisheitstraditionen dieser Welt vermittelt. Für den Praktizierenden ist es erst einmal ein theoretisches und verstandesmäßiges Wissen. Doch das ist kein wirkliches Wissen. Erst wenn wir alle Aspekte eines Gedanken erfasst haben und ihn in seinem grundlegenden, selten offensichtlichen Sinn erfasst haben, können wir wirklich von Wissen sprechen.
Dieses Ergründen ist ein über das gedanklich-logische Verständnis hinausgehende Begreifen, das einen Eindruck des inneren Gewahrseins in uns hervorruft. Bezeichnend für dieses Wissen ist, dass wir dann in der Lage sind, den Gedanken und die damit verbundene Überlegung mit eigenen Worten wiedergeben und auch reflektieren zu können.
Der zweite Gedanke des Zitats ist in meinem Verständnis »eigentlich« der erste, zeigt er doch auf, wie wir überhaupt lernen können, nämlich durch Befragung. Um das zu verstehen, müssen wir wissen, dass wir autopoietisch strukturierte Wesen sind. Das heißt, dass nichts in uns eindringen kann, sondern alles, was wir wissen, entsteht nur in uns selbst.
Auch wenn es unserem Erleben zu widersprechen scheint, so leben wir doch vollkommen in unserer eigenen gedanklichen Welt, die von außen nicht infiltriert werden kann. Wissen kann also nicht von außen gelehrt werden, es ist immer ein innerer Prozess. Galilei hat das mit den Worten zum Ausdruck gebracht:
»Man kann die Menschen nichts lehren,
man kann ihnen nur helfen, es in sich zu entdecken.«
Das ist die Weisheit, die jeder Lernende beherzigen sollte, »Hängt« man gläubig an den Worten des Meisters, so wird man kein Wissen erlangen. Nur derjenige, der durch eigene Überlegung die richtigen Fragen zu stellen vermag, wird zu wirklichen Erkenntnissen und Einsichten gelangen können.
