Wesens-Schau

Suchende müssen ihre eigenen Augen öffnen -
seht zu, dass ihr später nichts zu bedauern habt.

Huanglong

Je länger ich mich mit mentalen, geistigen und spirituellen Themen beschäftigte und je tiefer ich in die Gedanken der Philosophia perennis einzudringen vermochte, desto mehr gewann das »Schauen« für mich an Bedeutung. Nur so ist es möglich, wirklich zu Erfahrungen zu finden.

Was aber ist dieses »Schauen«? Zuerst einmal darf es keinesfalls mit dem für unser normales Leben typisches Erleben gleichgesetzt werden. Es ist ein innerer, geistiger Vorgang, der unmittelbar zu Erkenntnissen und Einsichten führt, dabei keinesfalls mit einem verstandesmäßigen Erklären und Beschreiben verwechselt werden darf.

Dabei dürfen diese beiden geistigen Ebenen, die geistig-mentale und die rein-geistig nicht als etwas von einander Verschiedenes und auch nicht als etwas voneinander Getrenntes angesehen werden und doch darf man sie unter keinen Umständen gleichsetzen.

Wir leben gleichermaßen in der Welt des Relativen wie in der Welt des Absoluten. Die reale Welt des Relativen können wir beschreiben, weil wir sie erleben und wahrnehmen, die numinose Welt des Absoluten können wir nur »schauen«. Diese Schau ist unmittelbares Wissen, aber eben ein Wissen des Absoluten und kein Wissen des Relativen, was nicht bedeutet, dass nicht beides neben- und miteinander einhergeht.

Der Gedanke von Huanglong weißt daraufhin, dass wir vor allem mit eigenen Augen schauen müssen. Lesen wir den Text einer Sutra oder einen Gedanken der Philosophia perenns, dann geht es erst einmal darum, diesen Gedanken zu verstehen und uns auf ihn einzulassen, ihn also nicht nur für möglich, sondern darüber hinaus für wirklich und einen Hinweis auf das Absolute zu halten.

Mit diesem Sich-Einlassen einher geht das Sich-auslegen-Lassen durch eben diesen Gedanken, was zur Konfrontation mit unseren Überzeugungen, Ansichten und Konditionierungen führt. Viele Menschen scheuen dies und suchen dem aus dem Weg zu gehen. Dabei ist dies essenziell wichtig, denn erst dann, wenn der Schleier der Unwissenheit – genauer der Schleier unzutreffender Vorstellungen über die Wirklichkeit unsere Sicht auf die Welt und vor allem auf uns selbst nicht mehr trübt, erst dann sind wir in der Lage zu »schauen«.

Doch ohne das finden wir nicht zur Selbsterkenntnis, den auch das ist eine Schau, die Schau des eigenen Wesens, das nicht verschieden ist vom Wesen der Welt.