Vertrauen

Hört gut zu: Wenn ihr euch selbst nicht vertraut,
müht ihr euch für immer vergeblich ab.

Linji

Immer wieder liest und hört man im Zen, das man dem Lehrer oder Meister vertrauen sollte. Linji weist uns darauf hin, dass der einzige Mensch, dem wir ernsthaft vertrauen können, wir selbst sind und niemand anderer.

Einem anderen Menschen zu vertrauen bedeutet immer, Erwartungen in ihn zu haben. Vertrauen ist ohne Erwartungen oder Annahmen über die Person des Anderen nicht möglich. Viele fragen sich dann, wie sie dem anderen begegnen können, wie sie ihm dann noch offen gegenüber treten können? Wie kann ich wissen, dass der Andere mir nicht vielleicht doch schaden will?

Bedenkt man dies genau, dann ist leicht zu erkennen, dass man das nie wissen kann. Das zu glauben wäre ein großer Irrtum. Das Einzige, was man wissen kann ist das, was man selbst für sich erkannt hat. Und hier gewinnt das Vertrauen in sich selbst an Bedeutung, denn man muss sicher sein, dass man zutreffend wahrgenommen hat, was nichts anderes bedeutet, als dass man gesehen hat, was wirklich ist. Sehen, was ist – das ist das Einzige von Bedeutung.

Sich selbst zu vertrauen bedeutet also, sich seiner selbst sicher zu sein, etwa der Fähigkeit wahrhaftig zu sehen, genauso wie der eigenen Intelligenz und Weisheit.

Linji weißt auf etwas hin, was die moderne Wissenschaft gleichfalls erkannt kann: Ein Mensch ist von außen nicht beeinflussbar. Jegliche Wahrnehmung ist, genauso wie jedes Gefühl und jede Überzeugung oder Glaube ein Produkt des eigenen Denkens. Auf der relativen Ebene leben wir in unserer ganz eigenen Welt, nichts kann in unseren Geist eindringen, nichts kann uns in unserem Denken beeinflussen. Die Wissenschaft nennt es Autopoiese.

Daher können wir auch nur uns selbst vertrauen, und wenn wir meinen, in einen anderen Menschen zu vertrauen, dann ist das doch nur eine Vorstellung, die wir haben, nichts sonst.

Weil das so ist, stehen wir ganz für uns, daher ist ein wichtiger Schritt in der Zen-Praxis, dieser Lebenswirklichkeit auch in unserem Denken gerecht zu werden, indem wir lernen, auch in unserer Vorstellung ganz für uns zu stehen und die Illusion der Beeinflussung oder der Abhängigkeit aufzugeben.

Zen lehrt uns, dass alles bedingt ist, doch das ist etwas ganz anderes als Abhängigkeit oder Unabhängigkeit genauso wie es etwas anderes ist als Beeinflussung. Das, was uns zu Beginn vielleicht ängstigt mit dem Gefühl dann allein gelassen zu sein, bringt uns tatsächlich in unmittelbaren Kontakt zu uns selbst, wie wir es vorher noch nie erlebt haben. Und je mehr wir in Kontakt mit uns selbst sind, desto mehr hören wir auch auf zu hoffen, indem wir uns aufhören zu vertrauen. Denn wer vertraut, kann ja nicht sicher sein.

Das, was sich dann einstellt, ist die Sicherheit seiner selbst, die mit ego-geprägter Selbstsicherheit wahrlich nichts gemein hat, sondern uns wesentlich und wahrhaftig sein lässt. Das Bedürfnis zu vertrauen entsteht nur da, wo wir uns Sorgen, wo wir – meist nicht bewusst – Angst haben, etwas könnte uns schaden.

Wo wir keine Angst mehr haben, brauchen wir kein Vertrauen mehr.